Schmeiss dein Auto weg

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Schmeiß dein Auto weg

nein, ich werde nicht von der deutschen Bahn gesponsert, aber…als Kind und jugendlicher Ahauser habe ich jahrelang für die Fahrten zur Schule nach Gronau und für anstehende Reisen zu Verwandten, zu Familienangehörigen und was weiß ich wo sonst noch hin ausschließlich Busse und Bahnen benutzt, wir hatten noch kein Auto damals. Und auch meine Familienheimfahrten in der Bundeswehrzeit von Rendsburg (SH) nach Ahaus (was für ein Blödsinn, einen Ahauser nach Rendsburg zum Wehrdienst einzuziehen) fanden ausschließlich mit der damals noch Deutschen Bundesbahn (DB) statt. Erst danach, in den 70er Jahren kam dann das Auto zum Zuge und der Zug leider langsam aus der Mode.

2014 – ich habe das Bahnreisen nach vielen Autojahren wieder entdeckt. Lies selbst
Ahaus ist ein richtig schönes und attraktives westmünsterländisches Kaff, da sind wir uns einig. Es hat sogar einen, nein zwei Bahnsteige, statt einem richtigen Bahnhof. Zwei sogar ganz frisch zu sehr interessanten Kosten und Bedingungen erneuerte Bahnsteige mit Fahrstuhl und leider, welch Irrsinn, keine Fahrkarten-Verkaufsstelle mehr, auch keinen Fahrkartenautomaten auf dem Bahnsteig. Aber egal…..für mich stand im September 2014 eine Reise an, von Ahaus in ein ganz kleines Örtchen hoch oben im Nordosten unseres schönen Landes, kurz vor der polnischen Grenze gleich unterhalb der Insel Usedom und direkt am Peenestrom-Achterwasser, also quasi mehr oder weniger am A… der Welt. Ich war da in den 80er’n und in den 90er’n schon ein paar Mal, immer mit dem Auto, dort leben liebe Familienangehörige. Über Einzelheiten dazu berichte ich später in einem anderen Bericht, das ist eine Extrageschichte.
Nun freute ich mich nach langer Zeit auf eine Reise in diese wunderschöne Gegend, aber diesmal war ich, schon wegen der irren Spritpreise, wild entschlossen den Zug zu nehmen. Planung, das Wochenende um den 8. September 2014, ohne feste Vorsätze oder Zwänge, auch um den besten Fahrpreis ausnutzen zu können.

In Ahaus gibt es kein Reisebüro (mehr) mit Fahrkartenverkauf, also bleibt für den Fahrkartenerwerb für diese zugegeben etwas kniffelige Reiseplanung nur das Internet samt Buchung per Kreditkarte oder Lastschrift. Immerhin benötigte ich eine Fahrkarte von Ahaus (Bhf) nach Hohendorf im nördlichen Mecklenburg-Vorpommern. Und auch wieder zurück, am gleichen Wochenende, wohl relativ flexibel in der Wahl des Reisetages und der Reisezeit.
Also, nur Mut, auf ins Internet, auf der Seite der deutschen Bahn gibt es jede Menge Möglichkeiten.
Gar nicht so schwierig, die Seite mit den Buchungsmöglichkeiten zu finden,auch die Eingabe war nicht so schwierig wie erwartet. Aber dann, die präsentierte Auswahl, herrje. Mit oder ohne ICE, mit oder ohne Platzreservierung, mit oder ohne Fahrrad, erster Klasse, zweiter Klasse, über Hamburg, über Hannover, über Berlin, an Berlin vorbei, mir schwirrte ganz schnell der Kopf. Und die Preise dazu, Normalpreis, mit oder ohne Bahncard, 1. Klasse, 2. Klasse, mit ICE, ohne ICE, Sparpreis, Wochenendticket, was weiß ich noch alles. Wahnsinn! Eine Stunde lang habe ich erfolglos versucht, mir einen Überblick zu verschaffen. Ich habe dann erst mal aufgegeben……Und ich dachte, aufgrund meiner Jugenderfahrung ein erfahrener Bahnreisender zu sein, denkste, Pustekuchen! War wohl nix!

Okay, ich bin dann doch drangeblieben am nächsten Tag, hab weiter Fahrpläne gewälzt, Routen im Internet und Google earth verfolgt und über Fahrplänen und Sparpreisen gegrübelt und mich schlau gelesen. Raus gekommen ist dabei: ich hab mich an einem Samstag mittags von Ahaus nach Rheine (Hbf) bringen lassen und bin da in den Zug nach Berlin (Hbf) gehüpft. Von da sollte es weitergehen mit einem Ostsee Express in Richtung Ostsee bis nach Züssow, dort umsteigen in die Usedomer Bäder Bahn die mich dann noch bis nach Hohendorf transportieren sollte. Dort würde man mich abholen. Das ganze hab ich mir erster Klasse geleistet, wegen der Bequemlichkeit, die Kosten dafür waren wirklich nicht hoch. Soweit erst mal die Theorie, jetzt die dazugehörige Praxis:

Abfahrt nach einer gemütlichen Fahrt per Auto nach Rheine samstags vormittags per IC/Intercity Richtung Berlin. Aber Achtung, just an diesem Samstagmorgen hatten die Lokführer der GdL beschlossen zu streiken. Kein Problem, mein Zug kam aus Amsterdam, da war nix mit Streik. Aber in Hannover standen wir schon mal eine Viertelstunde dumm vor dem Einfahrtsignal herum, Lt. Durchsage des Zugbegleiters waren alle Bahnsteige mit verspäteten Zügen verstopft. Ich bangte um meinen Anschluss in Berlin (Hbf) und stand deshalb in eifrigem SMS Kontakt mit meiner Abholmannschaft in Hohendorf und natürlich mit dem echt hektischen aber trotzdem super freundlichen Zugbegleiter. Endlich ging es weiter Richtung Berlin mit immerhin satten 200 km/h.
Berlin in Sicht, der Zug hält in Spandau. Ein Blick auf die Uhr – keine Chance auf Erreichen des Anschlusses in Berlin (Hbf), wir hatten derbe Verspätung.
Aber da, eine Durchsage des Zugbegleiters (sinngemäß): wer Richtung Ostsee fahren will, sollte bitte hier und gleich in Spandau eiligst den Zug verlassen und in den am gegenüberliegenden Bahnsteig stehenden total verspäteten Ostsee Express aus Köln steigen, der fährt direkt nach Binz/Rügen an Berlin (Hbf) vorbei und hat Kurswagen nach Usedom.
So richtig hab ich das nicht gerafft so schnell, also volles Risiko…Ebook, Pausenbrote, Zeitung, Jacke und Koffer geschnappt, wie der Blitz raus aus dem Zug in Spandau, rein in den tatsächlich gegenüberstehenden Ostsee Express gehechtet, freien Platz gefunden in der 1. Klasse und erst mal aufgeatmet. Nach einem Plausch mit dem Zugbegleiter durfte ich hoffen, zur geplanten Zeit mit einem total verspäteten weil völlig ungeplanten anderen Ostsee Express (der hatte mehr als zwei Stunden Verspätung und war picke-packe voll) in Züssow rechtzeitig aufzuschlagen und dort meinen ursprünglich geplanten Anschluss zu erreichen. Glück muss der Mensch haben, auch im fernen MeckPomm. So war es dann auch, meine Abholer konnten mich pünktlich in Hohendorf in die Arme schließen. Was war ich froh…Ich muss dazu bemerken, das zu meiner extrem preiswerten Fahrkartenbuchung der Zwang zu den mit der Fahrkarte gebuchten Zügen bestand. Dank und wegen des Streiks und der damit verursachten heftigen Verspätungen entfiel aber dieser Zwang wiederum, so das ich problemlos auch den anderen Zug ab Spandau nutzen konnte. Das muss man aber erst mal wissen, da steht nur im Kleingedruckten der Bahn, das ich mir im Vorfeld mühsam erlesen habe.

Der wunderbare, viel zu kurze Aufenthalt in Seckeritz, dazu später in einem anderen Bericht mehr…..

Die Rückfahrt.
Pünktlich abgefahren am Dienstagmittag in Hohendorf mit dem komfortablen Triebwagen der Usedomer Bäderbahn, Anschluss in Züssow nach Berlin (Hbf tief) kein Problem. Den Fahrplan an und ab Züssow konnte man getrost bin der Pfeife rauchen, Riesen Bahn-Baustelle, alles fuhr nach Gehör, nicht nach Fahrplan. Aber in Berlin hatte ich genügend Umsteigezeit, also keine Panik. Im Zug nach Berlin (Hbf) dann ein guter Sitzplatz im Tiefparterre des klimatisierten und leise dahinsausenden Doppelstockwagens, dazu nette Mitreisende mit drei zauberhaften, ungewöhnlich braven Kindern und einem schläfrig vor sich hin schnarchenden Riesenhund. Die waren tatsächlich auf dem Weg von Greifswald nach Südspanien, wollten in Berlin in den Nachtzug da runter umsteigen. Gute Güte, so eine Reise mit drei Kindern und Hund, meine Hochachtung. Nervenzerfetzend!
Ich bin dann in der reichlichen Umsteigezeit in Berlin (ca.1 Std) staunend und mit buchstäblich offenem Mund durch diesen nagelneuen echt riesengroßen Bahnhof mitten in Berlin herumgestrolcht. Ich kenne den Bahnhof Hamburg (Hbf) als auch nicht gerade klein, aber der Berliner Bahnhof sprengt alle Grenzen. Hier werde ich mal mit gaaaaaanz viel Zeit alles erkunden, Wahnsinn was es da alles gibt. 4 Etagen übereinander. S-Bahn, U-Bahn, Busse, Regionalbahn, Fernbahn, Intercity, ICE. Jede Menge internationale Verbindungen. Ein Hauch von Weltoffenheit und Fernweh beim Lesen der Abfahrtstafeln. Davon kann man sich nur selbst überzeugen, das ist unbeschreiblich fesselnd.
Nun gut, ich erreichte meinen IC Zug Richtung Osnabrück problemlos und pünktliche. Es war dunkel langsam, also das Ebook strapaziert und Musik gehört, ich war ja passend ausgerüstet. In Osnabrück dann umgestiegen in den letzten Pengelanton (wer weiß noch, was das ist) Richtung Bad Bentheim und gegen 23 Uhr in Rheine auf die Minute pünktlich eingetroffen. Meine bezaubernde Schwiegertochter holte mich da wie geplant ab und fuhr mich per Auto nach Ahaus, nicht ohne auf der Autobahn 31 am Kreuz Schüttorf (wären wir doch bloß über die Landstraße gefahren) einen netten viertelstündigen Stau hinter einem Rudel riesengroßer Stromerzeuger-Windmühlenflügel Schwertransporter, die in der Ausfahrt feststeckten, zu genießen.

Ach so, warum die ganze Reise beginnend von Rheine? Das spart gut 2 Stunden pro Richtung, die Fahrt direkt von Ahaus in Richtung Nordosten mit dem Zug ist verdammt zeitaufwendig, Ahaus Coesfeld oder Gronau – Münster – Osnabrück, das kostet Zeit. Richtung Süden sieht das besser aus, direkt über Dortmund. Aber wer sich klug eine Strecke aussucht, gewinnt. Reisen mit der Bahn hat was, wirklich. Lange Strecken werde ich nur noch so erledigen, Statt Stress im Stau und nervige Autobahnkilometer lässige Rennfahrt (200 kmh und mehr) auf der Schiene mit einem Tässchen Kaffee und spannender Lektüre oder auch nur den Ausblick am Fenster genießen. Probiert’s mal aus. Ist echt schön.

Übrigens die Reise hat erster Klasse hin und zurück schlappe 74 Euro (Sparpreis) gekostet. Wetten, das du damit nicht mal die Spritkosten eines Mittelklassewagens deckst für diese Reise von über tausend Kilometern.

Nein, schmeiß dein Auto nicht weg, es hat schon viele Vorteile. Aber – auf langen Strecken gemütlich zu reisen macht mit der Bahn viel mehr Spaß. Und lass dich nicht verunsichern durch die komplizierte Buchung oder das möglicherweise erforderliche Umsteigen, das ist nicht so schlimm wie es aussieht im ersten Moment. Und wenn du Fragen hast zu einer Bahnreise, die du vielleicht planst, so von Ahauser zu Ahauser einfach Mail an mstrain@web.de ,du hörst dann von mir, versprochen!

mh, im Oktober 2014

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