Flaschenpfand für arme Leute

Endlich Pfand sammeln mit Würde, dieser Artikel hier von meiner Nichte in Facebook geteilt hat mich aufgeschreckt!
Kann man Pfandflaschen und -dosen sammeln, wühlen in Abfallbehältern und in Körben von großen Filialbetrieben in Würde?

Ich lebe in einer mittelgroßen Stadt im westfälischen Münsterland, die Arbeitsloenquote ist richtig niedrig. Es gibt große Industriegebiete mit kleiner und mittlerer Industrie, keine wirklich dominierenden Großbetriebe. Es herrscht ein positives Klima, auch in den Ortsteilen, abgesehen von kleinen Händeln, die aber wohl nicht zukunftsbestimmend sind und auch bedeutungslos.
Aber, und damit zum Thema, es gibt Armut, Armut in einer Stadt wie dieser hier. Es gibt Bewohner, die betteln, die suchen, die gieren müssen, um ihren täglichen Lebensunterhalt zu sichern. Mich hat das umgehauen.
Ich rede hier nicht von denen (ja die gibt es wirklich, leider, aber nur wenige) die durch eigenes Verschulden und Uneinsichtigkeit, durch Arbeitsunwilligkeit und ganz privates Unvermögen nicht in der Lage sind ihren eigenen täglichen Unterhalt zu sichern.
Nein, ich rede und schreibe von denen, die ohne eigenes Verschulden ein Einkommen, eine Rente beziehen, die zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel bietet. Von denen, die immer hart am Limit kämpfen, mit Ihrer kontoführenden Bank, mit Ihren Rechnungen, mit der monatlichen Differenz zwischen Einnahmen und Ausgaben, die immer zu ihren Ungunsten ausgeht. Immer ist der Monat zu lang für die anstehenden Ausgaben. Daas ist so deprimierend, jeder der das kennt wird es bestätigen.
Hier in unserem Ort lernte ich vor Monaten einen sehr freundlichen, netten älteren Herrn kennen. Er sammelte Pfandflaschen, täglich, ausdauernd und erfolgreich. Mit seinem Fahrrad war er täglich unterwegs, klapperte stadtweit Papierkörbe, Müllbehältnisse, Kneipen, Bahnhof, usw. usw. ab und sammelte Pfandflaschen. Ich habe zu der Zeit auch aus Umweltgründen Müll entsorgt hier in unserer Wohngegend und ihm die dabei gefundenen Pfandflaschen an einer vereinbarten Stelle hinterlegt. Irgendwann mal habe ich ihn gefragt, warum er sich das antut mit den Flaschen.

Ganz einfach, sagte er…erstens hab ich eine nur kleine Rente, knapp für meine Frau und mich, sehr knapp für das tägliche Leben. Und außerdem bin ich krank, ich hab Probleme mit meinem Rücken und nur die tägliche Fahrerei mit dem Fahrrad beim Flaschensammeln hält mich einigermaßen gesund. Pro Tag so um die 50 km sagte er mir. Dazu kommt, das ich mit den gesammelten Pfandflaschen gut dazuverdiene, so das meine Frau und ich ein relativ normales Rentnerleben führen können und unsere Miete zahlen ohne Schmerzen und Probleme und vor allem ohne öffentliche Hilfe(!)
Uff habe ich mir gedacht, das ist herb. Ich bin auch Rentner, habe sicher keine üppige Rente, aber wir kommen klar mit dem was reinkommt, keine großen Sprünge, aber wir leben passabel mit dem was wir haben und müssen keine Pfandflaschen sammeln.

Vor zwei Wochen treffe ich meinen Flaschensammler bei einem der großen Filialisten am Pfandautomaten. Er sitzt nicht auf seinem Fahrrad sondern auf einem Rollator. Befragt, was denn los sei, gesteht er zögernd, das sein Rücken ihm das Fahrrad nicht mehr erlaubt und er seine tägliche Sammeltour nicht mehr fahren kann. So sitzt er hier am Automaten und hofft, das er von dem Pfand was abbekommt, er bettelt, er muss betteln. Leute, das hat mich umgehauen, richtig umgehauen. Wie verhält man sich in so einem Moment? Ich schäme mich jetzt, wo ich das hier schreibe, denn ich habe ihm meine Hilfe nicht angeboten in diesem Moment. Ich hoffe nun, das sich ihn wieder mal sehe, denn ich werde ihm dann mein Flaschenpfand übereignen, nicht für mich behalten. Und versuchen, noch mehr für ihn zu tun, wenn ich kann.
Unser Vorurteil die Flaschenpfandsammler, die machen Kasse mit unseren Pfandflaschen. Ja, stimmt, sie leben von den Sachen die wir wegwerfen, aber oft brauchen sie die auch zum Überleben. Der Staat kümmert sich um uns, sagt er, aber was ist, wenn ich diese Hilfe nicht akzeptieren mag, aus welchem Grund auch immer?
Ich werde diesen Mann unterstützen, wenn ich ihn wiederfinde. Ich kann nicht viel für ihn tun, aber das was ich tun kann für ihn werde ich tun, das verspreche ich hier.

Kennt ihr auch jemanden, dem ihr in eurem Umfang helfen könntet? Tut es, um Gottes und der Gerechtigkeit willen, er hat es verdient. Keiner sollte betteln müssen für seinen Lebensunterhalt.

 

MH, im Juni 2015

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