die Hintergrundgeschichte zu „Schmeiss dein Auto weg“ eine Reise in die Vergangenheit

Eine Reise in die Vergangenheit – und was mich dabei bewegte

Irgendwann Mitte 2014 habe ich meinen immer heftig verteidigten Widerstand gegen Facebook aufgegeben und mir einen Account zugelegt. Prompt traf ich da natürlich auf meine Kinder und Enkel, auf alte Freunde, auf lang vergessene Namen. Und ich traf auch auf dem Umweg über meine Kinder die immer wieder aus flüchtigen Gedanken beiseite geschobenen Familienangehörigen meiner verstorbenen Frau aus dem nordöstlichen Mecklenburg–Vorpommern. Ich hole da mal ein bisschen aus, zum Verständnis für den interressierten Leser, weil die ganze Sache ist irgendwie schon ein bisschen verdreht und gekreuzt.
Der Vater meiner verstorbenen Frau hat, aus welchem Grund auch immer, ich glaube kurz vor der Geburt seiner Tochter seinen Aufenthalt in die DDR verlegt und dort später auch eine Familie gegründet. Es gab soweit ich weiß keinen Kontakt des Vaters zur Mutter oder zur Tochter. Das Jugendamt kümmerte sich um die auch damals vorgeschriebenen Unterhaltszahlungen.

Anfang der 1980er haben wir uns dann bemüht Kontakt zum leiblichen Vater herzustellen. Das war nicht so einfach weil wir überhaupt keine Hintergrundinformationen hatten. Viel Energie und Phantasie hat es benötigt beim Familiengericht und beim damals zuständigen Jugendamt endlich Informationen zum letzten bekannten Aufenthaltsort des Vaters zu bekommen.
Ich weiß noch, das meine Frau und ich an einem lauen Sommerabend bei offener Balkontür am Esstisch saßen und einen Brief an die Volkspolizei des betreffenden Bezirkes schrieben. Wir schilderten den sehnlichen Wunsch meiner Frau, ihren leiblichen Vater kennenzulernen. Und wir baten um Mitteilung des Aufenthaltsortes und der aktuellen Anschrift damit wir Kontakt aufnehmen könnten.
Etliche Wochen vergingen, wir hatten keine Hoffnung mehr auf Antwort. Aber dann kam ein handgeschriebener Brief von der Küste, von ihrem Vater, den die örtliche Polizeidienststelle über unseren Wunsch unterrichtet hatte. Es entwickelte sich ein langer Briefwechsel hin und her. Auch Telefonate gab es, nicht ganz einfach, weil das nur über Nachbarn möglich war. Irgendwann dann die damals obligatorische schriftliche Besuchseinladung. Wir fuhren zum ersten Mal in den Sommerferien 1984 mit bangem Herzen in das uns unendlich weit erscheinende kleine Örtchen an der Mündung der Peene, fast schon auf Usedom.
Mein Bruder hat uns für diesen und spätere Trips dahin generös sein Wohnmobil zur Verfügung gestellt. Der ADAC hat uns eine Route erarbeitet und das markierte Kartenmaterial für die Fahrt zur Verfügung gestellt. Meine Dienststelle hat es nicht versäumt, mir ausgiebige mündliche und schriftliche Belehrung zu den uns drohenden Gefahren in der DDR zu erteilen. Genau nach Plan sind wir dann losgefahren, von Bonn über Hamburg nach Lübeck in das für uns völlig neue (Deutsch)land. Eine Reise von immerhin ca. 750 Kilometern.
Der erste Grenzübertritt war für uns und die Kinder sehr beklemmend. Das Auto, Gepäck und Geschenke wurde genauestens untersucht, Papierkrieg und Zwangsumtausch erledigt. Dann die lange Fahrt über meist rumpelige Landstraßen, oft herrliche Baumalleen, immer entlang der Küste. Trabbi’s ohne Ende, ungewohnter Auspuffgestank, Riesenstau in Rostock am Hafen vorbei. Ich erinnere mich an endlose schnurgerade Straßen, an viele Bahnübergänge, wo die für uns ungewohnte Geschwindigkeitsbegrenzung peinlich genau eingehalten wurde. Durch Stralsund und Greifswald, immer weiter ostwärts. Irgendwann sind wir dann abgebogen von der Überlandstraße in Richtung Wolgast. Und wieder abgebogen in Richtung Anklam, nun konnte es nicht mehr weit sein. Immer mehr Herzklopfen bei uns allen, wie würde es sein, dort anzukommen. Und irgendwann, eine schöne schmale Baumallee, ein Wäldchen auf der linken Seite und dann unser Ziel, ein paar Häuser, eine große strohgedeckte Scheune mit Storchennest, mehr nicht. Und dann der Moment der Begegnung, der Anblick meiner überglücklichen Frau mit ihrem Vater. Der Gedanke daran treibt mir heute, dreißig Jahre später, noch die Tränen in die Augen.

Es sieht da heute noch fast genauso aus wie 1984, ein wenig farbenfroher ist es heute

So ist das gewesen damals, wir sind dann in den Folgejahren noch einige Male dort hingefahren und haben dort an der Peenemündung wunderschöne Urlaubstage verbracht. Die lange Reise war immer sehr anstrengend und die Grenzübertritte nach wie vor aufregend und besonders für die Kinder belastend, Außerdem hat der allgegenwärtige Zwangsumtausch unser schmales Budget ganz schön gebeutelt, aber das war es allemal wert wert.

Nach der Wende waren dann endlich auch Gegenbesuche möglich. Wir hatten Gelegenheit, unsere Gäste in noch unbekannte Eigenschaften unserer sogenannten Marktwirtschaft einzuführen und ein bisschen das wiedergutzumachen, was sie uns an Gastfreundschaft schon gewährt hatten. Der letzte Besuch im Jahr 2000 galt dann der Beisetzung meiner Frau in Ahaus. Danach riss die Verbindung ab bis zum Herbst 2014.

Der erste Besuch nach vielen Jahren (siehe dazu die Geschichte hier „schmeiß dein Auto weg“) war eine einzige riesengroße Freude und drei wunderbare Tage voller Erinnerungen. Anlass genug für mich, gelegentlich auch die schönen und auch lustigen Erinnerungen an die vielen dort verbrachten Besuchs- und Urlaubstage niederzuschreiben. Und natürlich Anlass, es nicht bei diesem einen Besuch zu belassen, es werden weitere folgen.

mh, im November 2014

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