DIE GANZ STARKEN KINDER

 

Wir sprechen von Ihnen als von den „Ganz schwachen Kindern“, aber in
Wirklichkeit sind sie die ganz starken Kinder.

Sie (die Kinder) hocken in einem Rollstuhl. Ihr Oberkörper wird durch steife Plastikgurte, die sich über Brust und Schulter ziehen, an die Rückenlehne des Rollstuhls gepresst; er würde sonst nach vorne sacken. Zwischen ihren Oberschenkeln liegen ebensolche hartkantigen Gurte und halten ihre Becken. Die Füße sind mit Lederriemen auf dem Fußbrett festgeschnallt. Eine Fesselung ist das nicht. Sie können sich ohnehin nicht bewegen. Ihr Kopf wird durch ein Tuch an die Kopfstütze gebunden; wird das vergessen, knickt er zur Seite oder sinkt tief auf die Brust, der Blick geht starr zu Boden. Dann müssen sie warten, bis einer etwas merkt und ihren Kopf aufrichtet und festbindet. Sie können nicht sagen: „Mir ist heiß, weil das Plastikmaterial des Rollstuhls mich zum Schwitzen bringt“. Sie müssen warten, bis einer ihr nasses Gesicht bemerkt.

Sie können nicht sagen: „Mir ist kalt, meine festgebundenen Füße sind eingeschlafen“. Sie müssen warten, bis jemand sieht, dass sie zittern.

Sie können nicht sagen: „Mir ist schlecht“. Sie müssen warten, bis
einer ihre Blässe sieht oder sie erbrochen haben.

Manchmal haben sie Leibschmerzen von den vielen Abführmitteln, die Windeln sind nass und voll Kot, das brennt. Sie müssen warten, bis einer es riecht und sie säubert.

Der Speichel, der unaufhörlich über den Hals in den Pullover rinnt, kitzelt unangenehm.

Sie müssen warten, bis einer sie abwischt, immer wieder und hoffen, dass er ein weiches Tuch nimmt, denn ihr Kinn ist wund.

Die Gurte schneiden ein und machen taube Glieder. Sie müssen warten, bis einer ihre Tränen sieht und warten, dass er herausfindet, warum sie weinen.

Sie können kein Wort, keinen Laut hervorbringen und ihre Hand nicht zeigen und den Vorbeigehenden nicht festhalten. Sie können vielleicht die Hand nicht einmal öffnen, geschweige denn, den Arm ausstrecken.

Vielleicht können sie die Menschen in ihrer Umgebung anschauen und sie mit den Augen rufen, aber sie können nicht sicher sein, dass diese Menschen die Fähigkeit besitzen, in ihren Augen zu lesen.

Wir sprechen von den „ganz schwachen Kindern“, aber in Wirklichkeit
sind sie die GANZ STARKEN KINDER!

Sie müssen immer warten, dass der andere auf sie zugeht. Warten, dass andere ihre einfachsten Bedürfnisse befriedigen – von ihren Wünschen und deren Erfüllung wird wohl selten die Rede sein.
MAN MUSS STARK SEIN, UM SOLCH EIN LEBEN ZU LEBEN.

 

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